Caracas 2017

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hanniban
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Caracas 2017

Beitrag von hanniban » Sa 4. Feb 2017, 01:35

So, ich öffne hier jetzt mal einen neuen Thread, um meine ersten Eindrücke mit Euch zu teilen. Zur Erinnerung: ich bin im April 2016 ausgereist, war also jetzt ein dreiviertel Jahr nicht im Land.

Was mir am stärksten aufgefallen ist: alle aus meinem näheren Familien- oder Freundeskreis haben abgenommen! Teilweise wirklich arg, das finde ich schob etwas schockierend.

Wir haben in der Wohnung nach wie vor Wasserrationierungen. Zwar nicht mehr so stark wie kurz vor meiner Abreise (da waren wir ja teilweise tagelang ohne Wasser), aber dennoch nur zweimal am Tag, nämlich Mittag und gehen 7 oder 8 Uhr abends, für ungefähr eine Stunde. Die Gründe dafür kenne ich nicht, manch einer sagt, dass in Chacao rationiert würde, weil hier die Guarimbas losgingen. Gestern haben wir dann unabsichtlich auch unsere Wohnung überschwemmt, weil wir den Wasserhahn aufgedreht hatten, um zu hören, wenn das Wasser kommt und blöderweise alle eingeschlafen sind. Naja, so ist jetzt wenigstens der Boden schön sauber.

Etwas, was ich schon länger weiß, aber erst jetzt aus erster Hand erzählt bekommen habe: uns wurde die Wohnung ausgeräumt. Unser Vermieter wurde vor dem Gebäude von ein paar Typen abgepasst und gezwungen, mit ihnen in seine Wohnung zu gehen. Zum Glück (ja, doch) hatte er den Schlüssel zu unserer Wohnung dabei und zum Glück (ja, auch das) gab es bei uns in der Wohnung was zu holen. Fernseher, DVD-Player, Mixer, Drucker sind weg. Erstaunlicherweise haben die auch jede Menge Kleinkram mitgenommen, unter anderem auch Töpfe und Tassen. Heutzutage lässt sich hier wohl alles zu Geld machen.

Ansonsten war ich noch nicht viel in der Stadt unterwegs, weil ich ja jetzt mit Anhang da bin und dieser etwas Zeit zum Akklimatisieren braucht. Mehr also dann, wenn wir uns etwas mehr eingelebt haben.

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el cacique
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Beitrag von el cacique » Sa 4. Feb 2017, 10:03

Interessantes Thema. Vor allem, wenn man nach einem Jahr Abstand die Situation wieder betrachtet. Dann sieht man sicherlich die Veränderungen besser.
Was mir am stärksten aufgefallen ist: alle aus meinem näheren Familien- oder Freundeskreis haben abgenommen! Teilweise wirklich arg, das finde ich schob etwas schockierend.
Sollte eigentlich keine Überraschung sein, nach dem, was alles in den letzten 12 Monaten berichtet wurde. Allerdings sah man auf den Fotos und Filmen aus Caracas eher wohlgenährte und gut gekleidete Menschen. Somit haben wir jetzt eine authentischere Info.
Grüße
el cacique

¨Nichthinfahrer¨ und ¨Ichhabvoneinemgehörtdereinenkennt¨ sind diejenigen, die in Venezuela die meisten schlechten Erfahrungen gemacht haben.

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krasus37
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Beitrag von krasus37 » Sa 4. Feb 2017, 10:37

Wow. Das mit dem Ausräumen der Wohnung find ich krass. Darf ich fragen in welcher Gegend das passiert ist?
Viele Grüße krasus

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Beitrag von hanniban » Sa 4. Feb 2017, 13:55

Chacao, sehr zentral, ganz in der Nähe der U-Bahn-Station, um 7 Uhr abends. Mich persönlich hat die Aktion nicht sooo sehr gewundert. Vor ein paar Monaten wurde ein Häuserblock weiter eine alte Frau bei so einer Aktion umgebracht, drum meinte ich auch: zum Glück die Schlüssel zu unserer Wohnung und zum Glück haben wir was da gelassen, das sie als wertvoll erachteten. Ist aber, was ich weiß, keine allzu neue Taktik, sich in die Wohnung mitnehmen zu lassen. Arg finde ich, dass die Vermieter niemanden im Haus darüber informiert haben und die Typen den Schlüssel zum Gebäude haben. Unser Schloss wurde ausgetauscht

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Re: Caracas 2017

Beitrag von hanniban » Sa 4. Feb 2017, 14:13

Was sonst noch auffällt: dir Leute parken ihre Autos nachts immer weiter von der Avenida Francisco Miranda wir weg.

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barbarossa
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Beitrag von barbarossa » Sa 4. Feb 2017, 17:39

Wenn die Leute hier so stark abnehmen sprechen sie von der Maduro-Diaet. :lol:
Gruß barbarossa
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Beitrag von hanniban » Sa 4. Feb 2017, 22:28

Heute an einem Kiosk jemanden mit einem 1-Dollar- Schein gesehen, er hat offenbar damit bezahlt. Was es sonst noch dort gab? Milch in flüssiger Form, Kaffee, Toilettenpapier. Nur von letzterem hab ich den Preis gehört: 2000 für 2 Rollen.

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Beitrag von hanniban » Di 7. Feb 2017, 00:52

So, jetzt waren wir mal etwas länger draußen. Was auffällt? Seeeeehr viele Indigentes bzw. Leute, die im Müll wühlen! Unglaublich! Und Menschen, die betteln. Vor der Tür zu unserem Gebäude saß heute ein junger Mann mit einem etwa zweijährigen Mädchen und fragte mich, ob ich Geld hätte. Ich verneinte (und hatte da ausnahmsweise wirklich keines mit, weil ich nur schnell eine Freundin zum Platz gebracht habe) und da deutete er auf meine Schuhe und meinte, ob ich Schuhe für ihn hätte... hab ich auch nicht, weil ich tatsächlich eine Frau mit nur zwei Paar Schuhe bin (zumindest hier in Venezuela). Heute bin ich außerdem draufgekommen: die, die uns die Wohnung ausgeräumt haben, haben sogar mein Strickzeug mitgenommen... hoffentlich freut sich irgendeine Oma darüber und kann ihren Enkeln ein T-Shirt oder so stricken.

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Beitrag von barbarossa » Di 7. Feb 2017, 01:54

Sie sind doch mitschuldig an ihrem Elend. Sie haben gewaehlt und heute nachdem sie es eingesehen haben bleiben sie ruhig und geduldig und warten auf ein Wunder das sie aus ihrem Elend fuehrt.
Gruß barbarossa
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Beitrag von hanniban » Di 7. Feb 2017, 02:46

Ich finde es ein bisschen arg, allen zu unterstellen, sie hätten es ja so gewollt. Nicht alle haben Maduro gewählt (wie hoch war die Wahlbeteiligung, mit wieviel Prozent hat er gewonnen?!) und manche konnten womöglich nicht anders, weil sie sonst ihren Job verloren hätten oder Ähnliches... ich denke, wir können uns das auch gar nicht vorstellen, wie es ist, im Elend zu leben und die Hoffnung zu haben, da irgendwie rauszukommen...

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Beitrag von tschuls » Di 7. Feb 2017, 08:16

Sehr interessantes Thema, besten dank für die Info.

Ich war das letzte Mal im März 2016 in Caracas und werde in zwei Monaten wieder reisen dann sehe ich mit eigenen Augen was mir Familie und Freunde erzählen.
Was ich jetzt schon sagen kann ist dass auch in unserem Umfeld vieleeee Leute extrem abgenommen haben. Sehe ständig Fotos in FB von Familie und Freunde und praktisch alle haben massiv abgenommen. Die meisten essen nur einmal pro Tag.
Meine Schwiegermutter lebt von Ihrer Rente, zwei Schwägerinnen leben mit Ihr im Haushalt, beide arbeiten. Eine als Zahnarzt-Assistentin, die andere als Coiffeuse und verdienen nicht schlecht. Ich überweise monatlich $100 um ein wenig zu helfen und trotzdem können Sie sich kaum etwas leisten und alles Geld wird für Essen ausgegeben.

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Beitrag von barbarossa » Di 7. Feb 2017, 11:21

Verstehe ich jetzt aber nicht. 100 Dollar sind im Schwarzmarkt 330.000,- VEF.
90.000,- VEF ist das Mindesgehalt das aber nicht jeder bekommt. Und davon koennen die nicht leben?
Gruß barbarossa
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Beitrag von tschuls » Di 7. Feb 2017, 11:43

Sie können davon leben aber nur knapp. Muss ergänzt werden dass Sie kein eigenes Heim haben und u.a. Miete usw. bezahlen.

Wenn man bedenkt dass die Canasta basica familiar über 600'000 bolos ausmacht dann kann man sich leicht ausmalen das dass Geld nicht reicht, trotz den vielen Nullen...

http://www.notilogia.com/2017/02/precio ... zuela.html

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Beitrag von hanniban » Di 7. Feb 2017, 12:07

Ja, das ist definitiv auch ein interessantes Thema: mit wieviel Geld kommt man durchs Leben. Mein Freund hat mal 200$ getauscht und gemeint, wie sehen mal, ob wir damit 2 Monate auskommen. Da ist aber in unserem Fall natürlich keine Miete dabei, die zahlen wir extra. Ich werde berichten, wieviel wir so brauchen (obwohl ich natürlich manche Grundnahrungsmittel wie Reis und Pasta mitgebracht habe und die so aus der Rechnung fallen).

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Beitrag von barbarossa » Di 7. Feb 2017, 17:35

Also meine Frau und ich kommen mit 500 € im Monat zum Leben aus. Da wir ein Haus haben brauchen wir keine Miete zu zahlen. Aber Bekleidung und 2x Essen im Restaurant oder an der Playa kein Problem. Was natuerlich teuer und schwer zu bekommen ist sind Ersatzteile fuer das Auto und Reparatur. Das gleich gilt fuer das Haus. Der Sack Zement kostet jetzt 12.000,- VEF ohne die Eisentraeger. Holz fuer die Moebel und Schreinerkosten ebenfalls. Die schlagen alle zu. Der Kasten Bier Polar Negro kostet jetzt auch schon 15.000 VEF. Da es keine Preiskontrollen gibt wie Maduro angekuendigt hat macht jeder was er will. Darunter leiden dann die meisten der Bevoelkerung. Ich kenne fast alle in meiner Strasse und auch in den Nebenstrasse und sehe was passiert.
Gruß barbarossa
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