Virginia

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hanniban
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Virginia

Beitrag von hanniban » Mo 3. Jul 2017, 22:07

Ich möchte euch gerne von Virginia erzählen. Ich denke, die Meisten hier im Forum kommen oder kamen relativ wenig mit Menschen aus den venezolanischen Barrios in direkten Kontakt. Aber ich denke, dass es gerade jetzt auch irgendwie wichtig ist, mit den ärmeren Leuten zu sprechen, um zu verstehen, wie diese ganze Situation deren Leben beeinflußt.

Virginia habe ich das erste Mal vor etwas mehr als einem Monat beim Mercado Chacao getroffen. Sie fragte mich, ob ich nicht vielleicht etwas Kleidung für ihr zwei Monate altes Baby hätte. Ich habe mich etwas mit ihr unterhalten und sie hat mir erzählt, dass sie ein paar Mal die Woche aus Ocumare del Tuy nach Caracas käme, um hier etwas zum Essen und Dinge für ihre Kinder aufzutreiben. Das kurze Gespräch mit Virginia hat mich persönlich sehr berührt, auch, weil sie mir erzählt hat, dass sie nicht genug Milch hat, um ihr Baby voll zu stillen. In diesem Alter sollte Muttermilch oder Pre-Milch eigentlich die einzige Nahrung für ein Baby sein, doch Virginia muss ihrem auch Saft füttern. Ich habe selbst ein kleines Kind und weiß, dass es eine gute Ernährung braucht, um ausreichend Milch zu haben und gerade jenen Frauen, die in ärmlichen Verhältnissen leben, wäre eigentlich sehr geholfen, wenn sie in diesem Land und unter diesen Umständen für ihr Kind nicht auch noch Babynahrung besorgen müssten. Ich habe auch meines Jobs wegen echt vieles gesehen, auch viel Armut erlebt, allerdings hat mich noch nie etwas so sehr berührt, wie diese Mutter mit ihrem kleinen Baby. Ich musste echt mit den Tränen kämpfen.

Ich habe Virginia damals einiges an Babygewand gegeben, zwar vieles zu groß für den kleinen Zwerg, aber was anderes habe ich nicht hier und besser als nichts ist es immer. Die wachsen sowieso so schnell. Auch zwei der Stoffwindeln habe ich ihr geschenkt, Waschlappen, Cremes für Popo und Haut, was ich halt so da hatte und sowieso nicht brauche.

Vorgestern habe ich Virginia wieder getroffen. Sie ist immer mit ihrem Baby, ihrem 5-jährigen Sohn und der 10-jährigen Tochter unterwegs und ist mir zufällig über den Weg gelaufen. Das Baby hatte einen der Bodys an, den ich Virginia gegeben hatte und einen der Waschlappen am Kopf, wegen der Sonne. An diesem Tag bin ich schnell nach Hause und habe ihnen Sandwiches mit Ei gemacht. Virginia hat damit nicht gerechnet, ich hatte ihr nur noch eine Babydecke versprochen und darum hat sie beim Spielplatz auf mich gewartet. Dort hat sie mir erzählt, dass sie an diesem Tag noch nichts gegessen hätten. Das war kurz nach Mittag.

Heute habe ich sie wieder gesehen und wir haben uns etwas länger unterhalten. Ich habe ihnen in der Bäckerei Cachitos gekauft und Virginia sagte ihrem Sohn, dass er gar nicht so schnell essen bräuchte, dass das ganze Brot seines wäre. Während wir uns unterhalten haben, ist plötzlich Wasser über Virginias Arm geronnen und erst da habe ich gesehen, dass ihr Baby keine Windel an hatte. Ich hatte eine Wegwerfwindel mit und habe sie ihr geschenkt. Virginias Mann verdient mit seinem Job als Kaffee-Verkäufer gerade genug, um das tägliche Essen für die 7-köpfige Familie bezahlen zu können. Wie soll sie da noch Babywindeln besorgen? Die zwei Stoffwindeln, die ich ihr geschenkt habe, sind natürlich auch nicht genug, um damit einen ganzen Tag geschweige denn eine ganze Woche lang auszukommen.

Virginia hat die Schule abgeschlossen und könnte rein theoretisch studieren. Sie hat früher gemalt und ihre Bilder verkauft. Doch mit der ganzen Krise wurde es ziemlich schwer für sie und ihren Mann. Vor zwei Jahren haben sie im Müll nach Essen gesucht, das müssten sie jetzt nicht mehr machen, sagt sie. Aber wirklich viel Unterstützung bekommt sie nicht. Jetzt mit den Regenfällen wurde ihr kleines Haus überschwemmt. Seit zehn Jahren sucht sie bei der Regierung um eine Sozialwohnung an, bekommt aber einfach keine. Sie sagt, dass sie auch keine Tarjeta de Patria bekommen hätte. Ob die CLAP-Pakete zu ihr kommen, habe ich nicht gefragt, aber selbst das bezweifle ich. Ihre Kinder gehen nicht zur Schule, weil Virginia das Geld nicht hat, um den Kindern eine Schuluniform zu kaufen.

Manch einer hier im Forum mag mich vielleicht naiv oder gutgläubig nennen, aber ja, ich habe Virginia angeboten, ihr zu helfen. Allerdings will ich ihren Kindern nicht jeden Tag etwas zum Essen kaufen, weil ich weiß, dass Virginia auch selbst für ihre Kinder sorgen kann und das auch täte, hätte sie die Möglichkeit dazu. Darum will ich ihr helfen, ihr kleines Mikrounternehmen zu erschaffen. Dazu braucht es oft gar nicht viel, eine Thermoskanne ist schon genug, um als Kaffeeverkäufer zu arbeiten. Virginia wünscht sich eine Kühlbox, dann könnte sie Empanadas verkaufen.

Ich denke, wahnsinnig vielen Venezolanern geht es so wie Virginia. Bis vor ein paar Jahren ging es ihr im Leben nicht von grundauf schlecht, sie war immer schon arm, hat jung Kinder bekommen, lebt im Barrio. Aber erst mit der Krise mussten sie anfangen, ihr Essen im Müll zu suchen. Ich bewundere das Durchhaltevermögen dieser Menschen. Ich persönlich fühle mich ob dem allem, was ich hier sehe, oft sehr hilflos. Es ist vor allem nicht das erste Mal, dass ich eine junge Frau mit kleinem Baby sehe, die de facto auf der Straße lebt. Das bricht mir ehrlich gesagt das Herz, es müsste nicht so sein.

Als einzelne Person kann man auch nicht viel tun, außer immer mal wieder jemandem etwas zum Essen zu kaufen oder eben Personen anders zu unterstützen. Die Krise löst sich damit natürlich nicht. Aber irgendwie wollte ich euch das erzählen und vielleicht denkt ja der eine oder der andere von euch bei seiner nächsten Venezuela-Reise daran und kauft mal eine Kleinigkeit für jemanden, anstatt im Restaurant eine Verbilligung des Abendessen um umgerechnet ein paar Eurocent auszuverhandeln.

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el cacique
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Virginia

Beitrag von el cacique » Mo 3. Jul 2017, 22:16

Ich habe auch so einem Fall in Choroní. Er wird "Caraota" genannt. Ich bringe ihm immer Kleidung mit bzw lasse das da, was mir nicht mehr passt. Werde mal Fotos raussuchen, da er letztes Mal mit meinen Klamotten richtig chic aussah. Zuletzt hat er mir auch seinen Vater vorgestellt; beide ebenfalls beim Suchen nach Essensresten im Muell.

Windeln habe ich auch schon kaufen muessen.
Grüße
el cacique

¨Nichthinfahrer¨ und ¨Ichhabvoneinemgehörtdereinenkennt¨ sind diejenigen, die in Venezuela die meisten schlechten Erfahrungen gemacht haben.

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Beitrag von Ilona » Di 4. Jul 2017, 10:27

Die Unterstützung von Virginia ehrt dich sehr, Hanniban :!:

Leider ist das alles nur einen Tropfen auf den heißen Stein und mir tun die ganzen armen Leute unendlich leid.
Liebe Grüße

Ilona

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hanniban
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Virginia

Beitrag von hanniban » Di 4. Jul 2017, 15:36

Ich denke, dass eh alle, die hier in Venezuela sind, jemanden auf die eine oder andere Art und Weise unterstützen. Und du hast recht Ilona, es ist nur ein kleiner Tropfen, aber grad in solchen Zeiten denke ich; ist es auch wichtig, als Gesellschaft zusammen zu halten. Das Solidarsystem macht in vielen Staaten Europas im Grunde ja auch aus, dass es wenig Obdachlose gibt zum Beispiel. Hier hat es der Staat leider sehr schlecht organisiert bzw sogar überbüeokratisiert, so dass erst recht Leute aus dem System fallen. Ich bin übrigens froh hier immer wieder zu sehen, wie sich die Personen gegenseitig helfen. Zum Glück gibt es viele, die ähnlich agieren wie ich jetzt. Mich tut das alles übrigens weniger leid als dass es mich wütend macht auf jene, die das alles in der Hand haben und etwas verändern könnten.

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C. Tovar
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Virginia

Beitrag von C. Tovar » Di 4. Jul 2017, 16:16

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