Sozialismus des 21. Jahrhunderts

Simón Bolívar, Befreiungskriege oder andere Themen der Venezolanischen Geschichte.
BuenChamo
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Sozialismus des 21. Jahrhunderts

Beitrag von BuenChamo » Do 14. Jun 2018, 10:46

Überrascht habe ich festgestellt das zu diesem kein Thema im Forum exisitiert? :shock:

Zunächst zum Schlagwort selbst: Der Ausdruck wurde besonders vom Deutschen Ökonomen und Sozialisten (andere würden ihn Kommunisten nennen) Heinz Dietrich geprägt. Als Hugo Chavez sich auf den Weg zur Macht machte brauchte/wollte er eine Ideologische Begründung für seine Taten. Hierfür lieferte ihm das von Dietrich verfasste Buch eine Vorlage. Dietrich war in jenen Anfangsjahren ein enger Freund vom späteren Verteidugungsminister Venezuelas Baduel. So ist er mit Chavez in kontakt gekommen. Ohne jetzt ins Staubtrockene Detail seiner These zu gehen: Im Grunde hat sich der Kommunist Dietrich nach dem Zerfall und Scheitern dessen die Frage gestellt: Was nun? Dabei ist er zu dem Ergebniss gelangt das der Sozialismus es eben nicht geschafft hat seine versprechen einzulösen und die Probleme der Menschen zu lösen. Mit seinem Werk liefert er dann quasi den Lösungsansatz wie es doch noch gelingen könnte. Das Werk erfreute sich mäßiger beliebtheit Weltweit...schaffte es aber in dem nach Sinn strebenden und vorallem gerade erst aufstrebenden Sozialistisch-Revolutionären Bewegungen Lateinamerikas bedeutend zu werden. (Das nun in eine Sonderphase abdriftende bettelarme Kuba ging ja schlecht und in Nicaragua hatten die Sandinisten die ersten wirklich freien Wahlen 1990 verloren)

Der gute alte Hugo hat jedoch wie die meisten seiner Genossen auf dem geschundenen Lateinamerikanischen Kontinent nie vorgehabt eine Ideologie 1:1 in die Tat umzusetzen, sondern viel lieber hat er sie als Vorwand für alles was er sich so erdacht hat zu benutzen. Erdacht hatte er sich von beginn an das er selbst die alleinige Macht und das grosse Geld für sich und die seinen bekommt. Darüber war der arme Heinz so sehr enttäuscht (Vorallem das mit der alleinigen Macht passte ihm nich so gut...das mit dem Geld war eher zweitrangig bedenkt man das sein Freund Baduel zu den Korruptesten Individuen des Frühen Chavismus gehört(e)) das ihre anfängliche vertrautheit abkühlte und heute jener Heinz nicht müde wird zu erklären das Hugo sein Werk nicht ansatzweise so wie er es hätte sollen umgesetzt hat.

Doch was wollte Hugo Chavez überhaupt? Fakt ist das Hugo Chavez immer ein Militär in seinem denken geblieben ist (Er ist bereits mit 17 in die Armee eingetreten). Obwohl er immer schön gepredigt hat das die Bolivarianische Revolution dem Volke zugute kommen sollte...kam sie vorallem dem Miliär zugute. Dies ist bis heute der Grund warum die Armee stramm hinter dem Chavismus steht. Wenn mancheiner Maduro für einen dummen Esel hält so muss auch gesagt werden das er schlau genug ist zu wissen das er immer dafür sorgen muss das es den Militärs an nichts mangelt. Dies zementiert seine Macht und erklärt warum er damals für viele überraschend zum Nachfolger bestimmt wurde.

Als der Junge Hugo seine Militärkarriere begann, wo er es immerhin zu einem Oberstleutnant brachte, fanden im Zuge der sogenannten Sandinistischen Revolution für den Kontinent grosse Umwälzungen statt. Nachdem Erfolg des Kommunismus auf Kuba gelang es erneut einer den USA nicht-genehmen Gruppe an die Macht zu gelangen. Der Kubanische Erfolg und vorallem die Sandinistische Revolution Nicaraguas hatte damals gewaltigen einfluss auf Junge Militärs in ganz Lateinamerika. In Venezuela gründeten sich mehrere Gruppierungen die sich dem Sozialismus/Kommunismus verschrieben hatten. Und Hugo wurde Mitglied einer dieser im Geheimen operierenden Gruppen.

Mit den Reformen von Präsident Perez und dem daraus folgenden Aufstand (Caracazo) mit wohl an die 3000 Toten änderte sich die Lage im Land vollkommen: Die Gruppierungen wurden radikaler, ihre forderungen ebenso. Chavez wurde Teil des Movimiente Bolivariano Revolucionario 200 welcher sich nicht weniger als den Umsturz und die Macht zum Ziel erkoren hat. Das es am Ende Chavez und seine Leute waren die ihr Ziel erreicht haben lag unzweifelhaft daran das sie eben von beginn an stark mit dem Militär verbunden waren. Dies gab ihnen einen Vorteil gegenüber allen anderen, aus dem Zivilien Bereich aufstrebenden Gruppierungen. Das Militärische sollte sich zudem als Verhängnissvoll für die Venezolanische Gesellschaft erweisen: Durch die starke Polemik von Gut und Böse, Freund und Fein, kam es zu einer enormen spannung in der bis dato politisch eher uninteressierten Gesellschaft. Durch das Militärische gebaren und das unverzeihliche verteilen von Waffen an Unterstützer der "Revolution" wurde die Grundlage der heute völlig ausgeuferten Kriminalität geschaffen. (Stichwort: Colectivos) Tatsächlich unterliegen viele Eliten des Chavismus wohl bis heute der irrwitzigen Annahme das die Kriminalität nicht den "ihren" schadet sondern sich Hauptsächlich gegen die "anderen" richtet. (Als wenn es einen Kriminellen interessieren würde wen er da ausraubt oder abknallt) Da die Chavistas die Institutionen der Justiz und Polizei seit jeher stark nach der Politischen Zuverlässigkeit und nicht nach der tatsächlichen Fähigkeit umwandelten, sind beide heute nur noch ein schlechter Scherz und somit außerstande auch nur Ansatzweise etwas effektives gegen das Verbrechen zu unternehmen.

Tatsächlich gehört es bis heute zu den für die im Westen lebenden Anhänger der Linken Lateinamerikanischen Revolutionbewegeungen eine mehr als unangenehme Wahrheit das diese praktisch überall nur durch das zusammenarbeiten mit den Verbrechersyndikaten ihren Kampf führen konnten. Dabei war der Chavismus an sich zu Beginn eher in einer Sonderrolle weil er dies eben nicht tat. Und nach der Machtübernahme und den Ölmilliarden auch nicht musste. Doch in seinem Grössenwahn meinte Hugo unbedingt auch alle Revolutionären Bewegungen auf dem Kontinen unterstützen zu müssen. So kam man mit den tief in Kriminelle Machenschaften verwickelten Revolutionarios in Kontakt. Besonders die vom Kokain lebenden Kolumbianischen "Revolutionäre" erkannten recht früh den Vorteil der sich ihnen mit Venezuela bot. Mit Hilfe des Venezolanischen Militärs, unter wissen hoher Venezolanischer Funktionäre, konnten sie in erstaunlichem Maße Kokain über den Erdball verteilen. Die Verstrickungen der Chavistas und des Militärs in diese Geschäfte verhindern bis heute das diese auch nur im Traum daran denken würden ihre Macht wieder abzugeben. Befürchten sie doch zu Recht das sie dann von der Justiz belangt werden würden.

Doch um auf das Ausgangsthema zurückzukommen: Der junge Chavez war nicht politischer als viele andere Junge Leute während seiner Zeit ihn Lateinamerika. Aber er hatte zwei Talente die ihn wohl von anderen Unterschieden haben: Ein ungemein bedeutendes Talent zu reden. (Die Lateinamerikanischen Gesellschaften hatten seit jeher eine Tradition von Geschichtenerzählern. Chavez passt da genau rein) Und zweitens eine unheimlich schnelle Auffassungsgabe (Er erkannte schnell wenn sich möglichkeiten boten)

1992 (Im Alter von 38 Jahren) führte Hugo einen schlecht vorbereiteten Putsch aus...und beweis mit seinem Zweiten Talent das er die eigentlich vernichtende Niederlage in einen Sieg umwandeln konnte: Seine Kapitulationsbedinung war das er wenige Minuten in einer LIVE Radioansprache an das Volk sprechen durfte. (Am Ende durfte er nur 72 sec. sprechen.) Während der Ansprache nutzte er sein erstes Talent zu reden. Er machte sich in dieser kurzen Zeit beim Volk bekannt und wurde über Nacht berühmt. Während seiner Gefängnisszeit wuchs er immer mehr in die Rolle des Märtyrers und Hoffnugsträgers. Nach 2 recht unbeschwerlichen Jahren wurde er begnadigt und begann seinen unaufhaltsamen Aufstieg zur Macht.

Als Hugo dann an der Spitze angelangt ist (1999) bewies er und die seinen recht schnell das sie Wirtschaftlich komplette Amateure waren. Bloss fiel es keinem auf weil der Ölpreis in jener Dekade auf dem Höchsten Stand der Menschheitsgeschichte gelangte. Venezuela schwamm nicht nur in Öl sondern auch im Geld. Der Jugendliche Übermut und das Unwissen verleitete ihn dazu die Erdölindustrie endgültig komplett zu verstaatlichen und dabei die meisten der Ausländischen Investoren zu enteignen. Da er dies Entschädigungslos tat führe dies dazu das kein an Gewinn Interessiertes Unternehmen mehr in Venezuela investieren wollte. Damit war bereits die Saat für den heutigen Niedergang gelegt... Jedenfalls hatte Hugo trotz dem üblichen abzweigen von Milliardenbeträgen für die seinen noch genug übrig um dem Volk was abzugeben. Die von ihm eingeleiteten Sozialprogramme wurden und werden teilweise noch Weltweit gelobt.

Es würde wohl zu sehr ins Detail gehen sie einzeln auseinanderzunehmen. Bloss soviel: Die Venezolaner habe es geschafft ein für Lateinamerika aussergewöhnlich gutes Bildungssystem zu erschaffen. Sogar die Chancen für die ärmsten der Bevölkerung wurden merklich erhöht. Die immer zahlreicher werdenden klugen Köpfe wurden aber niemals so klug eingesetzt das sie dem Volk zum nutzen werden konnten. Die meisten versicketen in dem immer mehr zum gigantischen Korruptions Moloch PDVSA. Das bedeutet das je höher sie dort gelangten desto höher wurden die Summen mit denen sie konfroniert wurden...es wurde praktisch zu einer Frage der Zeit und des Geldes wann auch der klügste Kopf korruput und somit uneffizient und faul wurde. (Bei seiner Machtübernahme versprach Hugo das er bei PDVSA aufräumen würde: gesagt getan: man hat zB den riesigen Fuhrpark des Unternehmens verscherbelt und das Geld dann (angeblich) dem Volke zukommen lassen. Heute gibt es im ganzen Land riesige überwachte Parkplätze auf denen tausende von Weiss lackierten Autos stehen und PDVSA gehören. Der Fuhrpark des Unternehmens ist heute fünfmal so gross wie damals)

Die klugen Köpfe welche in die Politik strömten hatte die Wahl sich entweder dem Chavismus anzuschliessen und somit ihr Talent gleich verschwendet...oder der Opposition. Opposition in Venezuela ist nicht wie Opposition in zB Deutschland: Es ist eher wie ein Spiel das man spielt. Spätestens seit einem 2004 gescheiterten Referendum hat die Chavistische Partei darauf hingearbeitet das es nie wieder zu fairen und freien Wahlen kommen sollte. Somit ist jedes seit 2004 in die Politik und Oppostion gehendes Talent verschwendet.

Zuletzt wurden in den letzten beiden Dekaden in Venezuela erstaunlich gute Mediziner ausgebildet. Hierzulande wird zwar gerne darauf hingewiesen wir gut und Zahlreich Kuba Ärzte ausgebildet hat .In der Realität kann aber die Ausbildung eines Kubanischen Arztes nicht mit jener eines Venezolanischen mithalten. Der Chavismus hat grossspurig versprochen die Medizinische Versorgung auch der ärmsten zu gewährleisen, hat aber auch nie die konsequenz vertreten dieser Versorgung auch die Notwendigen Mittel bereit zustellen. Das heißt das heute in Venezuela theoretisch die Versorgung gut wäre...praktisch aber längst in eine Katastrophe abgeglitten ist.

Die gut Ausgebildeten Ärzte in Venezuela wurden von beginn an in den Staatlichen Kliniken schlecht bezahlt und mangelhaft ausgerüstet. Zudem hat man das Bestehen der Privaten Kliniken nicht nur geduldet sondern auch zugelassen das diese sich ausbreiten. Ergebniss ist das es in Venezuela Private Topkliniken mit gut bezahlten Ärzten gab (seit ein paar Jahren geht es auch denen icht mehr gut) und andererseits immer schlechter bezahlte und ausgerüstete Staatliche Kliniken.
In den letzten Jahren hat dies zu einer Massenhaften Emigration von Venezolanischen Medizinern geführt. Vorallem nach Brasilien (Programm Mais Medicos o Brasil...wo intensiv Venezolanische Ärzte angeworben wurden) aber auch nach Chile, Peru und Mittelamerika. Die Ärzte wurden dann durch schlechter Ausgebildete aus Kuba mehr oder weniger ersetzt.

Heute leidet Venezuela unter einem Unheimlichen abwanderungsdruck der gut Ausgebildeten Elite. Lächerlicherweise wird dies von einigen "linken" gutgeheißen...dabei wird übersehen das jene "Elite" ja erst von den Chavistas selbst Ausgebildet und quasi erschaffen wurde. Also mit jedem der Auswandern verliert das Land die in die Ausbildungs investierte Summe)
Da die Ausgewanderten natürlich an allen Ecken und Enden fehlen...wird die Abwärtsspirale der Wirtschaft und Gesellschaft immer schneller gedreht.
Die heutige Machtelite ihrerseits hat längst das Gespühr eines Hugo Chavez zu den Sorgen und Nöten der Bevölkerung verloren...und haut nur noch dumpfe und dumme Parolen ohne Substanz raus.
Maduro und seine Genossen haben längst aufgehört nach einer Ideologischen Begründung für ihre Politik zu suchen und gefallen sich lieber in der Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antiliberalismus Schiene. (Also Hauptsache gegen etwas Anti sein...zieht immer)

Betrachtet man andere Kommunistische/Sozialistische Länder auf der Welt so fällt schon auf das überall diese Ideologien dahingehend gewandelt wurden das sie dem blossen Machterhalt einer kleinen Elite dienen. (Nicaragua, China, Kuba oder Nordkorea)

Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts hat sich somit zu einem Alptraum des 21. Jahrhunderts für Venezuela gewandelt. Auch wenn er morgen verschwinden würde..würde es wohl Jahrzehnte dauern bis das Land sich davon erholen würde. :(

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