Abort in Venezuela

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hanniban
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Abort in Venezuela

Beitrag von hanniban » Sa 25. Mai 2019, 08:39

Ich möchte euch etwas erzählen, das in meinem näheren venezolanischen Bekanntenkreis passiert ist und mich ehrlich gesagt wirklich nicht kalt gelassen hat.

Ein junges Mädchen, gerade einmal 15 Jahre alt, wurde -natürlich ungeplant- schwanger. So etwas ist in Zeiten wie diesen für eine venezolanische Mittelklassefamilie wohl eine wirklich schlimme Nachricht. Die Eltern wussten nicht einmal, dass sich das Mädchen mit Burschen traf, aber die waren auch viel zu sehr damit beschäftigt, die Familie irgendwie durchzubringen. Als sie davon erfuhren, war das Mädchen bereits im 4. Monat - zu diesem Zeitpunkt werden in vielen Ländern Europas keine Aborte mehr vorgenommen bzw nur noch in Ausnahmesituationen. In Venezuela sind Schwangerschaftsabbrüche sowieso per Gesetz verboten.

Natürlich drehte sich in dieser Familie dennoch alles darum, wie man die Schwangerschaft beenden könnte. Ein Schwangerschaftsabbruch in der 16. Woche ist so schon keine Kleinigkeit mehr, im Venezuela von heute aber tatsächlich sehr riskant und sollte auf keinen Fall auf eigene Faust unternommen werden sondern muss wenn überhaupt unbedingt unter medizinischer Beobachtung erfolgen. Die Familie fand jemanden, der bereit war, zu helfen - und verlangte dafür 1000 Dollar.

Ich weiß nicht, woher die das Geld nahmen, aber irgendwie bekamen sie es zusammen und haben die Pillen am Schwarzmarkt besorgt. Ganz ehrlich: Wie verzweifelt muss man als Eltern sein, dem eigenen Kind Pillen zu verabreichen, wo man sich nicht 100 % sicher sein kann, dass sie echt sind und nicht irgendein anderes, womöglich gefährliches Gemisch. Und was, wenn die Abtreibung schief geht, das Leben des Mädchens in Gefahr gerät oder der Fötus weiterlebt, und die junge Frau womöglich ein stark behindertes Baby zur Welt bringt?

Das Mädchen hat die Pillen trotzdem geschluckt und musste kurz drauf zur Untersuchung. Schock: der Fötus wurde nicht abgestoßen und ist noch immer da. Normalerweise erfolgt eine Austreibung innerhalb weniger Stunden nachdem man diese Pillen genommen hat. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Familie also nur, dass der Fötus noch da war, nicht aber, welche Auswirkungen die Pillen auf ihn und das Mädchen haben konnten. Zu diesem Zeitpunkt haben sie sich dann mental auf eine Schwangerschaft und Geburt eingestellt - wie auch immer die verlaufen würde.

Wenige Tage später hatte das Mädchen aber dann schwere Bauchkrämpfe, kam ins Krankenhaus. Es gab dann wohl doch noch einen Abort, soweit ich mitbekommen habe waren die Eltern des Mädchens fix und fertig ob der Situation und der Vater hat bitterlich geweint, als sie da im Krankenhaus war. Ich kenne ihn und muss sagen, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass dieser Mensch jemals weint. Aber dieser ganze Druck, die gesamte Situation, die Enttäuschung über die Tochter, die Angst um das eigene Kind, gleichzeitig die Erleichterung, dass es doch 'gut' ausgegangen ist... unvorstellbar.


Ein Nachtrag dazu
Venezuela ist schon länger das Land mit der höchsten Rate an Teenager-Schwangerschaften. Die momentane Situation im Land verschlimmert die Lage diesbezüglich nur noch. Einerseits sind die Eltern dadurch, dass sie den Lebensunterhalt irgendwie bestreiten müssen, abwesend und als Eltern für ihre jugendlichen Kinder vielleicht nicht so präsent, wie es notwendig wäre. Teenager haben übermäßig viel Freizeit, immerhin fällt die Schule immer häufiger aus. Zugleich fehlt es den jungen Leuten in Venezuela Geld, um sich um richtig zu verhüten bzw. ist es nicht so einfach, gute Verhütungsmittel zu bekommen. Die fehlende Aufklärung tut vermutlich auch das ihre zur Sache und keinen Unterricht zu haben, macht das sicherlich nicht besser. Resultat sind Teenager-Schwangerschaften en masse, gefolgt von panischen Abort-Versuchen, die sicher nicht immer gut ausgehen. Wenn das Baby doch zur Welt kommt, dann wächst es in den meisten Fällen wohl mit einer alleinerziehenden Mutter auf, die natürlich bald arbeiten gehen muss, um das Kind zu erhalten und so ihrem Kind auch nicht die Aufmerksam geben kann, die es bräuchte. So dreht sich die Spirale weiter und weiter und ich sehe darin eigentlich nur einen Spiegel der aktuellen politischen und gesellschaften Lage.

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